Selbstexperiment: Zero Waste – utopisch oder realistisch?

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K1600__1560769Aufstehen, ab ins Bad – Hygieneprodukte, Toilettenpapier. Müll. Frühstück – Verpackungen. Müll. Geschirr abspülen mit dem Plastik-Spülschwamm. Müll. Auf in die Uni. Dort auf den Toiletten die Einmal-Handtücher. Müll. Papiertaschentücher. Müll. Verpackte Snacks, PET-Flaschen. Müll. Die Serviette in der Mensa. Müll. Ein Kaugummi zwischendurch. Müll. Lernzettel ausdrucken – für wenige Tage. Müll. Ein Info-Treffen mit verschiedenen Initiativen – Namensaufkleber. Müll. Wegwerf-Becher. Müll. Bahntickets, Belege im Supermarkt. Müll.  Abendessen kochen – Dosen, Tüten. Müll. Wieder im Bad. Hygieneprodukte, Toilettenpapier, Zahnbürste, Kosmetikprodukte. Müll, Müll, Müll, Müll.

Was auch immer wir tun – es entsteht Müll. Und oft ist es Plastik – oft sehen wir es nicht einmal! Kosmetik enthält Mikroplastik, Abrieb von Reifen, Flusen von Kleidung. Mehr als 10 Millionen Tonnen Abfälle gelangen jährlich in die Ozeane. Auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche schwimmen bis zu 18.000 Plastikteile unterschiedlichster Größe. Dabei sinken zusätzlich 70 % der Abfälle auf den Meeresboden. Ausmaße, die wir uns gar nicht vorstellen können. Ein Sandstrand besteht also nicht nur aus Sand-, sondern auch aus Plastikkörnchen.
Der meiste Abfall kommt vom Land – transportiert über Winde und Flüsse. Bis zur vollständigen Zersetzung des Plastiks können bis zu 400 Jahre vergehen. Und dabei ist eine Plastiktüte im Schnitt nur eine HALBE STUNDE in Benutzung!

Aber was soll man tun? Schließlich ist fast alles in Plastik verpackt – oder nicht? Genau diese Gedanken habe ich mir gemacht und mir vorgenommen: diesen Februar versuche ich, Müll so gut es geht zu vermeiden – ein Selbstexperiment über 28 Tage.

Erinnert euch an den oben beschriebenen Tagesablauf. Den möchte ich jetzt nochmal durchgehen und dann sehen wir mal, wo ich Müll vermeiden konnte.
Zuerst einmal habe ich Hygieneprodukte so gut es geht vermieden. Eine Slipeinlage hin und wieder benutze ich, vermeide es jedoch. Während meiner Periode benutze ich eine Menstruationstasse. Damit habe ich kurz vor Uganda begonnen und bin total happy! Es hält länger als ein Tampon, kostet nur einmalig und produziert keinerlei Müll (na gut, meine erste wurde in Uganda von einer Ratte angenagt – aber davon mal abgesehen :D). Toilettenpapier lässt sich natürlich schlecht vermeiden, wenn man nicht gerade so ein fancy Wasserklosett hat, aber dafür benutze ich ausschließlich Recycling-Toilettenpapier.
K1600__1690071Mein Frühstück – Brot. Das backe ich selber; zu den Zutaten kommen wir später. Die Marmelade ist von meiner Mutter selbst gemacht (danke Mama!) und die Gläser verwendet sie immer wieder. Honig und Nussmus (beste Kombination!) sind in Gläsern, die ich aber auch oft wieder verwende (dazu ebenfalls später). Die Margarine / Butter ist leider in einer Plastikverpackung (bzw. beschichtetes Papier, was dann ebenfalls Plastik ist). Meinen Tee habe ich diesen Monat nicht mit Teebeuteln, sondern mit losem Tee in einem Teesieb gemacht. Aber ich habe Yogi Tee vermisst! Ansonsten eine super einfache Methode um Müll zu reduzieren.
K1600__1690033Das Geschirr spüle ich mit einer Spülbürste (die ist leider aus Plastik, aber die nächste wird dann auf jeden Fall aus Holz und Naturborsten sein) und nehme biologisches Spüli (Mikroplastik aus normalem Spülmittel und Abrieb von den Plastikborsten gelangen sonst ins Abwasser!). Dann gehe ich entweder in die Uni oder lerne Zuhause (wie hauptsächlich diesen Monat, da vorlesungsfreie Zeit). Ich habe meine Hände einfach an der Hose abgetrocknet, um keine Papiertücher zu brauchen. Zu essen habe ich entweder was in eine Box gepackt oder in der Mensa gegessen, dabei aber keine Serviette genommen.
K1600__1670873Zum Trinken habe ich immer eine wiederbefüllbare Flasche, in die ich Leitungswasser fülle – damit spare ich Flaschen und Geld (win-win – yay!). Die ist leider aus (Hart-)Plastik, welches sich zwar gut recyceln lässt, aber die nächste soll dann aus Metall sein (wenn das aktuelle Modell irgendwann kaputt geht). Kaugummis kaue ich eigentlich nicht aber diesen Monat war eine Ausnahmesituation, denn Prüfungsphase, und Kaugummis sind bekanntlich gut für die Konzentration. Also notwendig zum Lernen – alles auf wissenschaftlicher Basis! 😛 Deshalb habe ich auch Lernzettel ausgedruckt, aber natürlich doppelseitig, mit engem Zeilenabstand, kleiner Schriftgröße und auf Recyclingpapier (hoffentlich; ich drucke in der Uni, da kann ich das nicht sicher wissen, aber die Uni wirbt für Nachhaltigkeit, also gehe ich davon aus).

K1600__1690016Anstatt Papiertaschentüchern habe ich die guten alten Stofftaschentücher benutzt.
Da ich mich in mehreren Organisationen ehrenamtlich engagiere, entsteht auch dort Müll für Flipchart-Papiere, Aufkleber etc. Das lässt sich teilweise schlecht umgehen – aber immerhin meist Recyclingpapier.
Bahntickets kann man inzwischen ja teilweise aufs Handy laden, aber auf mein altes Modell ist nicht so viel Verlass, deshalb drucke ich. Und bei Tickets aus dem Automaten geht es ja sowieso nicht anders. Als ich Bahnhof beim Bäcker war, habe ich gesagt, ich hätte das Brötchen gerne ohne Tüte. Er gab mir eine Serviette. Danke für nichts. Und ein einziges Mal war ich tatsächlich Fast Food essen – tatsächlich das erste Mal seit September. Eigentlich mache ich das nicht, aber ich war sehr hungrig. 😀 Ich habe gefragt, ob es auch normales Geschirr gibt, aber Imbissbuden DÜRFEN kein normales Geschirr anbieten! Da verstehe mal einer die Bürokratie…
Auch beim Kauf von neuen Dingen, wie beispielsweise Kleidung, entsteht Müll durch die Etiketten. Ich vermeide eigentlich stets jeglichen Konsum (Kleidung kaufe ich sehr selten und wenn dann Second Hand), aber einige Dinge kaufe ich natürlich – diesen Monat beispielsweise neue Fahrradhandschuhe.

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Jetzt möchte ich nochmal detaillierter auf das Essen eingehen. Obst und Gemüse ist natürlich kein Problem, denn die kann man auf dem Wochenmarkt oder im Supermarkt unverpackt kaufen, indem man einfach einen eigenen Beutel mitbringt, anstatt immer diese Tüten zu nehmen. Dabei ärgert es mich immer wieder, dass die Bio-Sachen alle in zehntausend Schichten Plastik verpackt sind. Was soll das? Das ist BIO! Dann habe ich eben doch die konventionellen Sachen gekauft, obwohl ich eigentlich Bio bevorzuge. Soviel zu Obst und Gemüse. Aber was ist mit dem Rest?
In Lüneburg gibt es einen Edeka (Edeka Bergman für die Lüneburger*innen – lesen hier Lüneburger*innen mit?), der eine Unverpackt-Ecke anbietet. Dort kann man trockene Produkte selbst abfüllen – also Mehl, Flocken, Nüsse, Kicher­erbsen, Linsen, Bohnen, Nudeln, Couscous, Quinoa, Grieß, Kerne usw. Dafür habe ich dann einfach meine eigenen Dosen oder Gläser (z.B. vom Nussmus oder Honig) mitgebracht. Da diese Ecke noch recht neu ist, ist das Angebot allerdings noch beschränkt (z.B. gibt es kein Vollkornmehl).
K1600_DSCF7907Deshalb bin ich nach Hamburg in den Unverpackt-Laden Stückgut gefahren (der ist auch recht neu und macht bald eine weitere Filiale in Hamburg auf; toller Trend, unterstützenswert). Da gab es echt viele Sachen! Ich habe Schokolade unverpackt gekauft, Hefe und es gab noch viel mehr. Sie haben sogar Spül- und Waschmittel zum Abfüllen. Eine wirklich tolle Sache!
Damit konnte ich einige Verpackungen umgehen; Kichererbsen und Bohnen habe ich einfach nicht mehr in der Dose gekauft sondern trocken.
K1600_DSCF7898Aber manche Dinge wie passierte Tomaten, Mais, Kokosmilch, Hafermilch (ich bin nicht vegan, aber esse wenige tierische Produkte), Aufstriche etc. sind natürlich schwierig unverpackt zu bekommen. Ich habe versucht, möglichst Glas- und keine Plastikverpackungen zu nehmen. Deshalb habe ich dann einmal zu Kuhmilch in der Glasflasche gegriffen. Käse kann man sich an der Käsetheke in eine mitgebrachte Dose packen lassen.
Ich habe sogar selbst Hafermilch gemacht; für Müsli ist das gut geeignet finde ich. Allerdings nicht aufkochen, falls ihr das auch probieren wollt – das gibt eine schleimige Geschichte! Macht eine kalte Version. „Mein“ Rezept ist hier verlinkt. Danach war noch Haferpampe übrig, aus der meine Mitbewohnerin (sie ist auch sehr erfolgreich in Prokrastination) Haferkekse gebacken hat – also DIY Zero-Waste Oat-Cookies. 😀 Anstatt normalem Backpapier habe ich mir nun eine Backfolie, die man einfach abwaschen und wiederverwenden kann, zugelegt.
Dosen konnte ich letztendlich nicht ganz umgehen und auch ein Tetrapak ist angefallen.

K1600_DSCF7904Abends sind wir wieder im Bad. Zum Duschen benutze ich ausschließlich Seifen; Haar- und Körperseifen gibt es von verschiedenen Marken. Die reichen viel länger als Flüssigmittel, enthalten kein Mikroplastik und sind unverpackt oder nur in Papier. Zudem sind Stückseifen zum Reisen äußerst praktisch – keine Auslaufgefahr und platz- sowie gewichtsparend.
K1600__1690013Für meine Gesichtsreinigung mache ich mir mehrmals die Woche eine Gesichtsmaske aus Heilerde; garantiert ohne Mikroplastik (ist auch nicht so toll im Gesicht) und zudem kaum verpackt (das Pulver aus einer Packung reicht ewig). Cremes habe ich zugegeben aus der Tube, aber ich benutze nicht viel Creme. Ebenso Deo; ist zwar verpackt aber ich benutze es sparsam. Deocreme kann man außerdem selbst herstellen; generell gibt es viele Möglichkeiten, Kosmetik selbst zu machen. Meine Zahnbürste hat einen wechselbaren Kopf, so entsteht nur alle paar Wochen der Müll von einem Zahnbürsten­köpfchen; es gibt auch kompostierbare Bambuszahnbürsten.

Insgesamt habe ich im Februar diesen Müll produziert:
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Es ist wirklich nicht viel Plastikmüll entstanden; hauptsächlich Papier. Das in der Tüte ist Müll aus dem Bad und alles rechts davon ist eigentlich Papier.

Ich habe eine Kommilitonin getroffen, die seit 1 ½ Jahren versucht, immer mehr Zero Waste – also komplett müllfrei – zu leben. Sie meinte zu mir, komplett Zero Waste sei nicht möglich – zumindest in Lüneburg. Einige Dinge bekommt man eben nicht unverpackt. Aber es ist ein Prozess, bei dem man versuchen kann, immer weniger Müll zu produzieren – Low Waste. Ich habe festgestellt, dass man dann automatisch gesünder ist, da viele verpackte Sachen (Fertigprodukte, Süßigkeiten etc.) nicht besonders gesund sind. A

Von diesem Experiment nehme ich mit, dass es leicht ist, etwas weniger Müll zu produzieren. In Zukunft werde ich mehr darauf achten, wie Produkte verpackt sind oder wo ich unnötigen Müll vermeiden kann. Das habe ich in einem gewissen Rahmen davor getan; ich habe noch nie extrem viel Müll produziert, aber jetzt hat sich mein Blick darauf noch geschärft und ich habe mehr Alternativen kennengelernt. Und vielleicht konnte ich ja ein paar von euch dazu anregen, die eigene Müllproduktion zu überdenken. 😉

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Weiterführende Informationen:

Wie eine Gesellschaft ganz ohne Müll funktionieren könnte, beschreibe ich in diesem Beitrag über Cradle to Cradle. 😉
Mehr zu Müll in den Ozeanen: NABU – Müllkippe Meer  & WWF – Plastikmüll in den Ozeanen
Zu Mikroplastik in Kosmetik könnt ihr bei Utopia mehr lesen.

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